Woher kommt eigentlich die Demokratie, die Herrschaft des Volkes und warum haben wir heute in der westlichen Welt Demokratien?
Als erste Demokratie der Weltgeschichte gilt das alte Athen im 5. Jahrhundert vor Christus, wo auch das Wort «demokratia», Volksherrschaft herkommt. Das war aber keine Demokratie im heutigen Sinne, es waren nur ca. 10-15% der Bevölkerung stimmberechtigt und es gab keine Gewaltenteilung. Trotzdem ist die griechische Demokratie ein Vorbild und ihrer Zeit weit voraus.
Direktdemokratische, oder man könnte auch sagen ur-demokratische Ansätze, finden sich in der Schweiz schon vor hunderten von Jahren, schon vor 1291, in den alten Landsgemeinden in den Alpenregionen. Dem Ort, wo das ganze Dorf oder die Talschaft zusammenkam und alle mündigen Männer gemeinsam über wichtige Fragen ihrer Tal- oder Ortschaft bestimmten. Die erste historisch belegte Landsgemeinde fand 1231 in Uri statt. Jedoch gab es wohl schon noch früher ähnliche Versammlungsformen.
Später finden sich demokratische Gedanken auch bei den sogenannten Aufklärern im 17. und 18. Jahrhundert, allen voran beim Genfer Philosophen Jean-Jacques Rousseau (selber ein Nachfahre von geflüchteten Hugenotten). Diese verschiedenen historischen demokratischen Ansätze sind aber nicht alleine verantwortlich für das Entstehen der modernen Demokratien. Ein alles entscheidender Punkt ist ein anderer: das biblische Menschenbild. Aus jüdisch-christlicher Sicht ist jeder Mensch ein Ebenbild Gottes, somit vor dem Gesetz gleich und mit gleichen Rechten ausgestattet. Bereits in der alten Kirche im 1. und 2. Jahrhundert kannte man die Wahl von Bischöfen und Diakonen durch die ganze Gemeinde.
Jahrhunderte später knüpfen die Reformatoren an diese altkirchliche Praxis an, indem sie die Ältesten und/oder Pfarrer von den Gemeindegliedern wählen lassen. Dass sich diese Gedanken in der Kirche und später auch in der Politik durchsetzten, ist vor allem dem Reformator Johannes Calvin zu verdanken: Calvin beeinflusste massgeblich das französische reformierte Bekenntnis von 1559 (confessio gallicana), wie auch das schottische von 1560 (confessio scotica). Diese Bekenntnisse inspirierten die französische und schottische reformierte Kirchenordnungen, welche die Wahl von Ältesten und/oder Pfarrer kennen.
Von Schottland breiteten sich diese Ordnungen ins ganze Vereinigte Königreich und in die angelsächsische Welt aus. Und als dann ab 1620 mit dem Segelschiff Mayflower, die in Europa meist verfolgten Puritaner (das sind englische Calvinisten) in die Neue Welt, den späteren USA, geflüchtet sind, bringen sie genau diese demokratischen Ideen mit und bauen dort einen säkularen Staat nach calvinistisch-reformierten Prinzipien auf.
Die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 und die Verfassung von 1787, die erste demokratische Verfassung der Welt, übernehmen weitgehend diese demokratischen Ideen, welche in der Praxis längst umgesetzt waren, wie z.B. im Staat Pennsylvania. Die Geschichtsschreibung nennt Calvin darum auch den «geistigen Vater der USA». Die Schweizer Verfassung von 1848, (je nach Definition von Demokratie) die erste demokratische Verfassung Europas, übernimmt wiederum viele Ideen und demokratische Grundsätze der Amerikanischen Verfassung.
Der Einfluss der Reformation bzw. Calvins und des Calvinismus auf das Werden der modernen Demokratie ist also nicht zu unterschätzen. Mehr zu Errungenschaften durch die Reformation gabs in meiner 1. August-Rede zu hören, welche
» hier online nachgeschaut werden kann.
Beat Müller, Pfarrer