Einsam und wach wie ein Vogel auf dem Dach (Psalm 102,8)

Foto: Dörte Gebhard

So klagte vor langer Zeit ein Beter vor seinem Gott – und seither unzählige Menschen durch die Jahrtausende. So fühlen sich gegenwärtig viel zu viele Menschen, die sich selbst einsam nennen. Sei es gelegentlich, oft oder fast immer. Aktuelle Statistiken zeichnen ein erschreckendes Bild um sich greifender Einsamkeit in fast allen Altersstufen. Betroffen sind nicht nur Seniorinnen und Senioren, die von sich sagen, dass sie sehr viele Freunde haben ... auf dem Friedhof. Schon Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren fühlen sich einsam, 17% unter ihnen leiden sogar stark darunter (vgl. Beobachter, Dezember 2024).
Deutlich zu unterscheiden sind Alleinsein und Einsamkeit.

Alleinsein ist ein selbstgewählter, manchmal ersehnter Zustand – um Ruhe zu finden, herunterzufahren, wieder neue Kräfte zu sammeln. Jesus sucht immer wieder Orte und Zeiten, in denen er ganz allein sein, sich besinnen und beten kann. Das wird mehrmals, z.B. in Lukas 5,16, berichtet. Einsamkeit ist dagegen nicht erwünscht oder erhofft, sondern kommt aus einer Defiziterfahrung. Man empfindet keine Verbundenheit, hat keinen «Draht» zu anderen. In der Fachliteratur wird Einsamkeit als «sozialer Schmerz» bezeichnet. Ein neues Phänomen ist Einsamkeit jedoch nicht. In der Bibel begegnen wir vielen Menschen, die stark von Einsamkeit betroffen sind. Sie jammern und schreien oder sie ziehen sich zurück und zweifeln im Stillen an Gott. Die Gründe und Empfindungen sind so verschieden wie diejenigen, die an Einsamkeit leiden: sei es in der Wüste, sei es mitten im Getümmel vieler Menschen, unter denen man sich fehl am Platze, ungeliebt und abgelehnt fühlt. Die Psychotherapeutin Regula Häberli erklärt im «Beobachter» im Blick auf Jugendliche ausserdem noch: «Durch Social Media haben junge Menschen jederzeit alles zur Verfügung. Das gibt ihnen die Illusion, soziale Kontakte zu pflegen. Dabei sind es eher Ablenkungen von realen Kontakten – sie sind dadurch sogar stärker gefährdet als ältere Menschen.»

Unsere Kirchgemeinde bietet viele und sehr verschiedene Begegnungsmöglichkeiten. Wir sind alles andere als perfekt, aber Orte und Zeiten (nicht nur sonntags) sind zu finden, um Gemeinschaft zu pflegen, z.B. freitags beim Fyrobeträff. Wir können nicht alle Gründe für Einsamkeit aus der Welt schaffen, aber Einsamkeitsprophylaxe ist möglich.

Damals war ein Gebet ein erster Schritt.

Mein Gott,
ich bin einsam und wach wie ein Vogel auf dem Dach.
Ich fühle mich verlassen, von allen und von dir.
Ich bete, aber es scheint mir,
als käme mein Gebet nur bis zur Zimmerdecke.
Warum schweigst du?
Warum lässt du mich warten?
Dennoch komme ich zu dir:
Ich bringe dir meine Zweifel,
meine Enttäuschungen,
meine Grübeleien,
meine Einsamkeit.
Verlass mich nicht,
lass mich nicht los.
Halte mich fest,
auch wenn ich nichts davon spüre.
Ich bitte dich nicht,
dass ich in allem Sinn sehe.
Ich bitte dich um deinen Segen,
wenn ich aufbreche,
wenn ich Menschen begegne.
Amen.

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