Dörte Gebhard

Josef in der Küche

Schloss Tyrol

Im Vordergrund ist alles klar: Maria bekommt gerade
Besuch von den Weisen aus dem Morgenland. Drei Könige sind daraus im Laufe des Weitererzählens geworden. Ihre Kronen sind nicht zu übersehen und die goldenen Geschenke auch nicht. Maria ruht aus im weiten, bequemen Gewand. Das Blau steht für die Treue Gottes. Ihr rotes Betttuch symbolisiert Gottes Liebe. Vor allem aber bleibt sie liegen und zwingt sich nicht wie mittelalterliche Madonnen sonst, kerzengerade aufrecht sitzend, ihren Sohn zu präsentieren. Da kann noch so hoher Besuch zum maroden Stall hereinkommen. Als ich das Bild kürzlich mit ein paar Müttern betrachtete, hatte die Hebamme unter ihnen besondere Freude an diesem Gemälde. So soll es sein! Eine Frau braucht Erholung nach der Geburt. Jesus ist nackt dargestellt. Nicht, weil Maria eine unbrauchbare Mutter gewesen wäre, sondern um uns daran zu erinnern, dass wir nichts dabeihaben, wenn wir als Mensch geboren werden und alle Menschen, ob arm oder reich, die Welt ebenso verlassen. Wir bringen nichts, wir nehmen nichts mit. Natürlich haben wir im Lukasevangelium gelesen und gehört, dass Maria ihr Neugeborenes in Windeln wickelte. Ochs und Esel haben es eng, seit ihre Futterkrippe besetzt ist, aber sie recken ihre Hälse und lassen sich nichts entgehen.
Alles andere geschieht im Hintergrund. Dennoch ist es genauso wichtig. Auf dem Altarbild im Schloss Tyrol sieht man einerseits drei Diener und drei neugierige Pferde, die ziemlich drängeln, weil sie alle einen Blick auf das Baby erhaschen wollen. Auf der anderen Seite, noch viel weiter hinten, hockt der alte Josef auf einem Schemel beim Feuer und kocht. Er rührt den Brei, damit er nicht anbrennt. Sein Tun ist nicht königlich. Er wird damit nicht berühmt. Überliefert ist davon kein Wort. Es steht heutzutage auch nicht in der Zeitung, wenn jemand einen Tee aufgiesst oder die Wäsche zusammenlegt. Josef tut das Alltägliche, das Lebensnotwendige. Sein Gesichtsausdruck ist nicht leicht zu enträtseln. Sein langer, weisser Bart ist imposant und verbirgt sein Gemüt vor allzu neugierigen Blicken. Ich stelle mir vor, wie unüblich es für einen alten Mann damals war, für Frau und Kind das Essen zuzubereiten.

Zu Weihnachten gehören die aufregenden Momente, gewiss auch die herausragenden Geschenke und der weitgereiste Besuch. Aber zu jedem Fest gehört auch mindestens einer, der in der Küche steht oder sitzt, der im Hintergrund wirkt und bleibt. Weihnachten ohne viele solche «Josefe» wäre undenkbar, der Alltag erst recht.

In diesem Jahr gibt es vielleicht weniger funkelnde und leuchtende Fassaden. Es ist eine gute Gelegenheit, auf alle im Hintergrund zu achten, zu schauen, wo überall ein Josef den Brei kocht. Wie sehr und wie schwer die Paketboten zu tragen haben. Wie wenig noch wie immer ist, wenn man Weihnachten als Flüchtling fern der Heimat bei anderen Leuten «mitfeiert». Wie viel es im Spital für alle Schwestern und Pfleger zu tun gibt, während die anderen feiern. Schenken wir doch in diesem Advent all jenen im Hintergrund unsere besondere Aufmerksamkeit.

In den diesjährigen Adventsmeditationen achten wir mit Wort und Musik auf Josef, den Mann im Hintergrund, ohne den gar nichts geht. Gott kann sich fest auf ihn verlassen. Lassen Sie sich überraschen, immer dienstags im Advent, ab 18.30 Uhr in der Kirche.

Dörte Gebhard, Pfarrerin
Bereitgestellt: 30.11.2022      
aktualisiert mit kirchenweb.ch