Daniel Hintermann

«E Hoselopf mit Gott»?! Ein «Ringen» um Gottes Segen

Meine Bilder

Im letzten «nahrhaften Tischgespräch» Ende August haben wir uns, auf Wunsch einer Teilnehmerin, über die Themen Segen und Fluch unterhalten. Wenn man so bei einem Gschwellti-Znacht am Tisch sitzt, kommen viele Gedanken zu so einem Thema zusammen. Angefangen beim Tischgebet («Herr, lass deinen Segen über dieses Essen fegen») über persönliche Erfahrungen mit Fluch und Segen bis zu irischen Segenssprüchen wurde vieles genannt.
Viele biblische Geschichten zum Thema Segen kamen uns in den Sinn: von Abraham über Jakob und Mose bis zur Bileamsgeschichte und natürlich dem aaronitischen Segen, der nach wie vor in sehr vielen Gottesdiensten zugesprochen wird. Wir unterhielten uns auch über den Alltagsgebrauch, etwa, dass auf etwas der Segen liegt (oder auch nicht), dass etwas Segen und Fluch zugleich sein kann und was sich mit der Wendung «das Zeitliche segnen» fürs Sterben ausdrücken lässt. Segen ist ein guter Wunsch, aber auch ein Gebet zu Gott. Segen wird zugesprochen in der Hoffnung und Erwartung, dass die Worte Kraft und Wirkung haben, weil sie «gedeckt» sind durch Gott. Zur Zeit der Bibel traute man sowohl Fluch- wie Segensworten viel zu. Der väterliche Segen für ein Kind (v.a. einen Sohn) war so wichtig, dass man dafür sogar zu betrügen bereit war. Lesen Sie dazu die höchst unterhaltsame Jakobsgeschichte in 1. Mose ab Kapitel 25. «Segen» ist in diesen Kapiteln das zentrale Thema. Zuerst bringt Jakob seinen Zwillingsbruder Esau um sein Erstgeburtsrecht und erschleicht sich unter Mithilfe seiner Mutter den väterlichen Erstgeburtssegen. Er muss dann fliehen, wird von seinem Schwiegervater in der Hochzeitsnacht selber übers Ohr gehauen, wird aber materiell sehr gesegnet und kehrt nach 20 Jahren in der Fremde mit einer grossen Familie und einer noch grösseren Viehherde nach Kanaan zurück. Vor der Begegnung mit seinem Bruder ist ihm bange. Doch es kommt – wie oft in der Bibel – anders als erwartet. Sein Bruder trägt ihm nichts nach, begegnet ihm freundlich. Zuerst aber kommt es zu einer «unheimlichen Begegnung der dritten Art». Jakob hat seine Familie über den Grenzfluss Jabbok gebracht, bleibt dann aber allein zurück. Plötzlich ist eine Gestalt bei ihm, die mit ihm ringt. Will sie ihn hindern heimzukehren? Es gibt viele Fragen an die Erzählung in 1. Mose 32,23-33 (unbedingt lesen!). Wer ist diese Gestalt, die mit Jakob ringt und die Morgenröte scheut? Ein Dämon? Ein Engel? Die Gestalt fragt Jakob nach
seinem Namen und sagt dann: «Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.» (V.29) Dieser Satz ist ein Segenszuspruch! Vorausgegangen ist Jakobs Weigerung, die Gestalt loszulassen. Er sagt trotzig: «Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.» So ringt er diesem göttlichen Boten einen Segen ab! Zwar schlägt ihn die Gestalt auf die Hüfte, sodass Jakob/Israel von nun an hinkt, aber er ist jetzt ein anderer Mensch, ein Gotteskämpfer (was der Name «Israel» bedeutet). Er muss nicht mehr betrügen, er weiss sich von Gott gesegnet.

Was für eine Geschichte! Ist Segen denn so wichtig, dass es sich lohnt, darum zu kämpfen? «An Gottes Segen ist alles gelegen», sagt ein Sprichwort. So wie ich Gott aus Bibel, Kirchengeschichte und eigener Erfahrung kenne, kann nichts Bestand haben, auf dem nicht Gottes Segen liegt. Das trifft nicht zuletzt für das jüdische Volk zu, dass zwar durch unsägliches Leid gehen musste, aber trotz allem immer noch besteht. Ist das ohne göttlichen Segen zu verstehen?

Ich wurde in meinem Leben reich gesegnet und möchte selber Segen sein. Und Sie?

Daniel Hintermann, Pfarrer
Bereitgestellt: 01.10.2022      
aktualisiert mit kirchenweb.ch