Dörte Gebhard

Gute, alte Zeit?

Gemeindeseite Juli und August 2022

Was wohl vom Anfang des 21. Jahrhunderts einst, vielleicht in gut 2000 Jahren, wieder ausgegraben wird? Diese Frage faszinierte mich und erschreckte mich zugleich schon als Kind. In den grossen Ferien habe ich ab und an einmal Zeit, meinen alten und neuen Hirngespinsten nachzugehen. Was kommt künftig wieder zum Vorschein aus unseren Tagen? Betonbrücken und Berge von Plastikabfall? Briefwahlunterlagen für demokratische Abstimmungen, benzinbetriebene Autos und E-Bikes? Wir hinterlassen unseren späteren Nachfahren auf jeden Fall viel. Manches kommt sicher bald ins Museum, anderes hoffentlich nicht so schnell, weil es weiterhin dringend gebraucht wird.
Im 77. Psalm beschreibt einer seine endlosen, schlaflosen Nächte. Er kann kein Auge zutun und ist versunken in Gram und Grübeleien, nicht speziell wegen zukünftiger Ausgrabungen, aber über den Wandel der Zeiten insgesamt.

Dabei wandern seine Gedanken unweigerlich rückwärts: Ich gedenke der alten Zeit, der vergangenen Jahre. Ich denke und sinne des Nachts und rede mit meinem Herzen, mein Geist muss forschen (V. 6-7).

Eine gute, alte Zeit findet der Psalmbeter dabei nicht. Ich lebe gut 2000 Jahre später als er, aber mir geht es erstaunlicherweise genau gleich. Von der berühmten «guten, alten Zeit» mag man manchmal träumen, aber bei Lichte betrachtet ist wenig bis nichts davon zu sehen.

Ich möchte jedenfalls nicht vor 100 Jahren geboren sein, zwischen den beiden Weltkriegen. Ich wäre uch nicht gern vor 500 Jahren geboren, in den lebensgefährlichen Umbrüchen und Kriegen der Reformationszeit. Schon gar nicht möchte ich vor 1000 Jahren zur Welt gekommen sein, denn genau vom Jahr 1022 ist z.B. die erste von ungezählten Verbrennungen von Häretikern im Mittelalter überliefert. Danach sehne ich mich nicht, sondern hoffe lieber auf Kommendes.

Der Psalmist erkennt die alte Zeit als diejenige, in der Gott immer wieder gerettet und geholfen hat. Er blickt einerseits auf die vergangene Not und die zurückliegenden Katastrophen und erkennt dabei, wo Gott überall gewirkt hat. Wo er überall nahe und da war. Wie er half durch die Wasser und in der Wüste.

Du führtest dein Volk wie eine Herde durch die Hand des Mose und Aaron. So füllt sich die ohnmächtige, übernächtigte Seele des Beters von Vers zu Vers mit mehr Dank, obwohl sich äusserlich gar nichts verändert. Dankbarkeit aber ist eine heikle Pflanze, die viel Aufmerksamkeit und Pflege braucht, die erst lange keimt, dann nur langsam wächst und viel Geduld braucht, ehe sie gut sichtbar reift. Dankbarkeit gedeiht im Blick auf alte Zeiten, die nicht gut oder besser als die Gegenwart waren, wenn man dabei Gott nicht aus den Augen verliert.

Vera Schindler-Wunderlich, die Dichterin, die kürzlich in Schöftland mit einer Lesung ihrer Gedichte zu Gast war, hat sich zwar keinen Reim darauf gemacht, aber die Dankbarkeit ganz im Sinne des Psalmisten poetisch verdichtet und beschrieben, wie Gott einen Menschen im Getümmel mitten in den Dank stupst:

Als ich im Gerangel saß,
geriet ich in Dank, ...
Fiel mir Dank in die Finger, die Nieren ...

Wenn hier gestattet ist, ein altes, aus der Mode gekommenes Wort wieder auszugraben: Das walte
Gott!

Dörte Gebhard, Pfarrerin
Bereitgestellt: 03.07.2022     Besuche: 79 Monat 
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