Beat Müller

Eine Frage des Blickwinkels

Vor einigen Jahren leitete ich einen Sommergebirgskurs für die Berufsunteroffiziersschule der Armee. Wir gingen mit diesen angehenden Berufsmilitärs auf verschiedene Bergtouren mit Seil, Pickel und Steigeisen und übernachteten in SAC-Hütten. Je länger wir unterwegs waren, desto mehr wurden wir mit Problemen in der Truppe konfrontiert: Einige beschwerten sich über Blasen an den Füssen, andere hatten Schmerzen oder mochten einfach nicht mehr marschieren.
Als die Anfragen für eine Dispens, um auf der Hütte bleiben zu können, zunahmen, passierte etwas Unerwartetes, Verblüffendes: In dieselbe SAC-Hütte wie wir kam eine Gruppe schwererziehbare Jugendliche. Und von einem Moment auf den andern beschwerte sich plötzlich kein einziger Armeeangehöriger mehr. Kein Jammern und kein Klönen mehr. – Was war passiert? Hatten sich die Probleme verändert? Nein, an den Problemen hatte sich gar nichts verändert: die Schmerzen etc. waren noch genau die gleichen und auch die Packungen wurden nicht leichter. Eigentlich hatte sich gar nichts verändert. Und doch war alles anders. Die Blickrichtung war nämlich plötzlich eine komplett andere. Weg von den Problemen hin zu einer vorbildlichen Haltung. Allen wurde klar: Wenn schwererziehbare Jugendliche im Hochgebirge auf die Armee treffen, sollte diese Vorbild für diese Jugendlichen sein.
In unserem Leben gibt es immer wieder Situationen, in denen wir uns entscheiden müssen. Schaue ich auf meine Probleme, fokussiere ich mich auf’s Negative oder richte ich meinen Blick auf ein Ziel, auf etwas Positives, etwas Motivierendes? Was so einfach klingt, ist in der Praxis oft sehr schwierig. Wir schaffen es nämlich meistens gar nicht von uns aus, den Blick zu ändern. Oder wir merken gar nicht, dass es noch einen anderen Blick gibt, wenn man sich vor lauter Sorgen und Problemen im Kreis dreht. In den vergangenen fünf Jahren als Armeeseelsorger wurde ich mit den unterschiedlichsten Problemen von Armeeangehörigen konfrontiert. Vor allem wenn verschiedene Schwierigkeiten bei einem jungen Soldaten gleichzeitig auftraten, wenn mehrere Stützen im Leben gleichzeitig brachen, dann schaffte er es nicht mehr, den Blick auf seine Aufgabe zu richten.
Was kann einem in solchen Situationen helfen, den Blickwinkel zu ändern? Zum einen kann dies Dankbarkeit sein. Wir haben nämlich meist sehr viele Gründe, dankbar zu sein. Wir vergessen es nur schnell und halten alles für selbstverständlich. Was habe ich Gutes, wofür ich dankbar sein kann? Weiter hilft es, wenn wir anderen Menschen von unserer Situation erzählen. Dann können wir Probleme nämlich oft aus einem anderen Blickwinkel sehen. Andere Menschen haben auch meist einen anderen Blick auf unser Leben. Nicht umsonst sagt man: Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude. Und schliesslich hat auch Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, eine andere Sicht auf uns und unsere Nöte. Wie können wir aber etwas über Gottes Sicht erfahren? Gott tat und tut seinen Willen kund in seinem Wort, der Bibel. In der Bibel zu lesen gibt einem darum oft eine andere Sicht auf Umstände und Probleme.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen immer wieder neue Blickwinkel, durch Dankbarkeit, andere Menschen oder durch die Bibel.

Beat Müller, Pfarrer
Bereitgestellt: 22.09.2021     Besuche: 124 Monat 
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