Daniel Hintermann

Wie alt fühlen Sie sich?

Auf diese Frage bekomme ich unterschiedliche Antworten. Es gibt 95jährige, die sich bei weitem nicht so alt fühlen und 70jährige, die sich selbst als «alt» bezeichnen. Ich selbst bin jetzt 57 und seit zwei Jahren Grossvater, fühle mich deswegen aber nicht älter, eher im Gegenteil, unser Grosskind wirkt verjüngend auf mich.
Hochbetagte Menschen, die sich selber eher jünger fühlen, strahlen dies auch aus. Ich staune immer wieder über Menschen über 90, die geistig sehr beweglich sind, über ihr Interesse, was in der Welt vor sich geht, ihre Agilität, ihren manchmal vorbildhaften, klugen Umgang mit erfahrenem Leid und aktuellen Sorgen. Ich gehe oft beschenkt aus solchen Gesprächen, lerne dabei, wie Menschen mit Schicksalsschlägen und Nöten umgegangen sind, was ihnen geholfen hat, was ihnen eine Dankbarkeit gegenüber dem Leben und Gott erhalten hat.
Die Bibel ruft zur Achtung, zum Respekt vor alten Menschen auf: «Vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen und die Alten ehren und du sollst dich fürchten vor deinem Gott, denn ich bin der Herr.»
(3. Mose 19,32) Oder etwas ausführlicher in einer Spätschrift des AT, Jesus Sirach: «Wenn du in der Jugend nicht sammelst, wie kannst du im Alter etwas finden? Wie schön ist’s, wenn die grauen Häupter urteilen können und die Alten Rat wissen. Wie schön ist bei Greisen Weisheit und bei Angesehenen Überlegung und Rat. Das ist die Krone der Alten, wenn sie viel erfahren haben; und ihre Ehre ist’s, wenn sie Gott fürchten.» (Sir 24,5–8)
Dieser Respekt, eine gewisse Ehrfurcht vor Menschen im Greisenalter, ist uns Jüngeren leider abhanden gekommen. Die Weisheit des Alters zählt in unserer Gesellschaft kaum mehr. Und viele ältere und alte Menschen kommen sich auch deshalb manchmal wertlos und überflüssig vor, mehr als Belastung und Kostenfaktor als als Zufluchtsort, wo Jüngere Rat suchen.
Ich denke, dass wir hier dringend über die Bücher sollten und zwar alle Generationen. Uns (noch) Jüngeren rate ich, die Zeit zu nutzen und den Schatz an Lebenserfahrung und Einsichten nicht einfach brach liegen zu lassen, sondern unsere Grosseltern und Eltern zu wichtigen Lebenseinsichten zu befragen, ihnen vielleicht sogar Mut zu machen, einiges davon schriftlich festzuhalten, einen Lebenslauf zu verfassen, nicht unbedingt für die Beerdigung, sondern vorher, damit die Nachkommen das Geschriebene lesen und an manchen Passagen auch nachfragen können. Umgekehrt mache ich allen (Ur-)Grossmüttern und -vätern Mut, ihren ‘Jungen’ Wichtiges aus ihrem Leben zu erzählen, vielleicht auch Dinge, die Sie bisher nicht zu erzählen gewagt haben. Oder eben, Sie halten schriftlich fest, was für Sie so wertvoll ist, dass Sie es für die Nachwelt festhalten wollen wie das z.B. Matthias Claudius vor 222 Jahren für seinen Sohn Johannes getan hat.
Es ist ein Privileg meines Berufes, dass ich viele Lebensgeschichten höre und dadurch bereichert werde, übrigens nicht nur durch lustige Begebenheiten und Erfolgsgeschichten, gerade die Art der Bewältigung von Schicksalsschlägen ist für alle Generationen wichtig. Erzählen Sie von früher! Es war nicht alles besser als heute, manches aber schon – ich möchte davon lernen.
Ich ziehe den Hut vor Ihrer Lebenserfahrung und was Sie daraus gemacht haben!

Daniel Hintermann, Pfarrer
Bereitgestellt: 26.08.2021     Besuche: 4 heute, 104 Monat 
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