Anita Hungerbühler

Viel Grund zum Danken

Pensioniert zu werden ist eine ganz neue Erfahrung, auf die ich gespannt bin. Rückblickend auf die vergangenen 37 Jahre Dienst im – nach meinem Empfinden - schönsten aller Berufe, erfüllt mich tiefe Dankbarkeit. In zahllosen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen bin ich reich beschenkt worden, habe viel Vertrauen erfahren und Anteil nehmen dürfen am Erleben meiner Mitmenschen in guten und schwierigen Zeiten. Wir haben voneinander lernen und miteinander wachsen dürfen, auch im Glauben. Kostbar und unvergesslich, der Schatz an lebhaften Erinnerungen. Viel Grund zum Danken!
Im Blick zurück fällt auf, wie sehr sich im Laufe der vergangenen Jahre vieles verändert hat, auch im Pfarrberuf. Als ich, «frisch ab Presse», meine erste Stelle in Grindelwald antrat, war das «Fräulein Pfarrer» ein absolutes Novum für die Berggemeinde und meine Kollegen im Bezirk waren fast alle männlich. Im Pfarrhaus gab es einen Festnetzanschluss mit Telefonbeantworter und eine elektrische Schreibmaschine, weder Computer noch Natel. Ich schlug mich mit Schnapsmatrizen herum und tippte meine Predigten mehrmals ab, bis alle Änderungen in die endgültige Fassung eingearbeitet waren und ein sauberes Manuskript vorlag. Es gab im Bergdorf weder Sozialdienst, noch Berufs- oder Eheberatung, die Gemeindeglieder kamen mit allen Anliegen vertrauensvoll ins Pfarrhaus. Einmal half ich einem Mann sogar, ein Heiratsinserat zu formulieren und den Interessentinnen Antwortbriefe zu schreiben!
In den 80iger Jahren wurden die meisten Leute in Grindelwald noch erdbestattet und der Sarg mit Ross und Wagen von zu Hause abgeholt. Bei jedem Wetter marschierte man im Leichenzug zum Friedhof, unter Umständen mehr als zwei Stunden in der brütend heissen Sonne oder bei klirrender Kälte auf eisigen Strassen. Das waren noch Zeiten! Und ist doch noch gar nicht so lange her …
Die ersten zehn Jahre Pfarramt im Berner Oberland waren ziemlich prägend und vieles steht mir vor Au-gen, als wäre es erst grad gestern gewesen. Danach kam ich als Seelsorgerin ins Kantonsspital Aarau und ins Krankenheim Lindenfeld, wo ich unzählige kranke, pflegebürftige und sterbende Menschen begleitet habe. Anschliessend wurde ich zur Klinikseelsorgerin im Schweizerischen Paraplegikerzentrum Nottwil gewählt und erlebte die herausforderndsten, aber auch lehrreichsten Jahre meiner Berufstätigkeit. Gerne wollte ich dann, nach insgesamt 14 Jahren Spital- und Heimseelsorge, wieder in einer Kirchgemeinde eingebettet in einem Team mitarbeiten, wie ich es in Schöftland vorfand. Der Schwerpunkt 65+, Besuche und Seelsorge kam mir sehr gelegen. Äusserst zufrieden schaue ich auf die vergangenen Jahre zurück und bedanke mich ganz ganz herzlich für die lange Zeit, die ich in Schöftland mitarbeiten durfte. Es gab stürmische Zeiten und schwierige Abschnitte, aber auch sehr viel Gefreutes und rundum gute Erfahrungen, die ich auf keinen Fall missen möchte. Ich danke bes-tens dem jetzigen tollen Team und der engagierten Kirchenpflege, für das grosse Wohlwollen, alle Unterstützung und das erspriessliche Miteinander. Ich danke von Herzen den zahlreichen Gemeindegliedern, mit denen ich ein kürzeres oder längeres Stück Weg gehen und viel Wertvolles teilen durfte. Hiermit verabschiede ich mich aus meinem Dienst und zie-he mich in den Ruhestand zurück. Meine herzlichs-ten Segenswünsche begleiten Euch in die Zukunft. Bhüet Euch Gott – À-Dieu!

Rosemarie Müller, Pfarrerin
Bereitgestellt: 24.06.2021     Besuche: 24 Monat 
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