Dörte Gebhard

Reifen und resilienter werden

D&ouml;rte Gebhard<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirche-schoeftland.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>75</div><div class='bid' style='display:none;'>2777</div><div class='usr' style='display:none;'>17</div>

Ab und an treffe ich Menschen, die aus persönlichen Krisen oder grossen Katastrophen mit neuer, innerer Widerstandskraft hervorgehen. Es sind Männer, Frauen und Kinder, die schwierigste Lebenssituationen ohne bleibende Beeinträchtigungen überstehen. In der heutigen Psychologie nennt man solche Menschen „resilient“, früher war wohl eher von „gereiften Persönlichkeiten“ die Rede.

Im Theologiestudium ermunterten wir uns gegenseitig mit dem kaltschnäuzigen Spruch „Was nicht tötet, härtet ab!“ Das galt dann für mehrere hundert Hebräischvokabeln, die noch zu lernen waren oder für den Kummer wegen unerwiderter Verliebtheit. Wir sagten das oft, aber der Spruch reichte dann nicht besonders weit. Er versagte, als die Mutter starb, als der Krebs eine junge Kollegin dahinraffte, ehe sie mit dem Vikariat beginnen konnte.

Das Immunsystem der Seele braucht tiefere Quellen, um Resilienz zu entwickeln. In der ganzen Bibel sind exemplarische und verdichtete Glaubens- und Lebenserfahrungen von Menschen aufgezeichnet, denen Furchtbares widerfuhr. Die ersten Eltern verlieren einen Sohn auf grausame Weise, Noah muss dem Fastuntergang der Welt zusehen, nicht zu schweigen von Hiob. Jeremia, Paulus und viele, viele mehr mussten immer wieder um ihrer Berufung willen leiden. Gerade die traumatisierenden Situationen sind sorgfältig mündlich und dann bald auch schriftlich überliefert worden, weil die Weitererzählerinnen und Redakteure fest davon überzeugt waren, dass solche Berichte nützlich sind für andere Überlebende schwerer Zeiten, auch in ferner Zukunft.

Erzählt wird dabei gerade nicht von unangefochtenen Helden oder cleveren Stehaufmännchen, denn die haben solche Geschichten überhaupt nicht nötig. Die Aufmerksamkeit gilt einem letztgeborenen Sohn, der von seinen Brüdern erst halb umgebracht und dann, aber nur weil es lukrativer ist, als Sklave verkauft wird - Josef. Rechtlose Frauen stehen im Mittelpunkt, die eigenwillige Entscheidungen treffen und sich gemeinsam neue Lebensgrundlagen schaffen - Ruth und ihre Schwiegermutter. Das Schicksal von Flüchtlingen, die durch eine trostlose Wüste müssen und mit Gottes Hilfe auch können, ist nicht gleichgültig, sondern entscheidend für den Glauben.

Heutige, leidgeplagte Menschen verstehen, worum es geht, ganz gleich, in welcher Kultur und Welt sie sonst leben. Der New Yorker Professor für Altes Testament David M. Carr vermutet: „Vielleicht ist das auch die Erklärung dafür, warum das Alte Testament bis heute überdauert hat, während die großen Mythen und Gesänge anderer großer und mächtiger Kulturen im Sand der Zeit verloren gingen.“ Was Resilienz ist, hat Paulus im Neuen Testament an sich selbst beobachtet und gottlob für alle Überlebenden aufgeschrieben:

In allem sind wir bedrängt, aber nicht in die Enge getrieben, ratlos, aber nicht verzweifelt, verfolgt, aber nicht verlassen, zu Boden geworfen, aber nicht am Boden zerstört (2. Kor 4, 8-9).

Dörte Gebhard, Pfarrerin
Bereitgestellt: 25.09.2020     Besuche: 91 Monat 
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