Anita Morgenthaler

Über Möwen und Möglichkeiten

01 Wort der Pfarrerin Dörte Gebhard<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirche-schoeftland.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>137</div><div class='bid' style='display:none;'>3073</div><div class='usr' style='display:none;'>287</div>

Von der Möwe ganz rechts ist nicht viel zu sehen, aber es ist genug zu erkennen. Wir wissen inzwischen alle, wie es ist, wenn man bleiben muss, wo man ist, trotz Flügeln. Wir haben unterdessen gelernt, den Kopf dennoch hochzuhalten. Sonst entginge uns die Sonne und ihr prächtiger Auf- und Untergang! Es kommt darauf an, dass wir nichts verpassen, dass wir wahrnehmen, wie Gottes Schöpfung auch in diesem Frühling in alter Frische erblüht. Viele sind nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich zur Ruhe gekommen, vielleicht wie noch nie zuvor. Es braucht allerdings eine Portion trotzige Widerstandskraft, um von den nervigen Newstickern nicht abhängig zu werden. Neben aller Lebensgefahr, neben allen wirtschaftlichen Einbrüchen gibt es viel mehr Gutes zu entdecken als es auf den ersten Blick scheint. «Nicht nur die Angst ist ansteckend, sondern auch die Ruhe und die Freude, mit der wir dem jeweils Auferlegten begegnen.» So schrieb Dietrich Bonhoeffer vor mehr als 75 Jahren. Das stimmt. Das war früher schon wahr, aber auf Ansteckendes achten wir erst neuerdings wieder. Hoch ansteckend erlebe ich die Hilfsbereitschaft und die Lernfähigkeit, ohne leibhaftigen Kontakt, ohne Begegnung von Angesicht zu Angesicht miteinander zu kommunizieren. Eine couragierte ältere Dame fragte mich ziemlich resolut: «Das soll neu sein? Ich bete seit mehr als 75 Jahren!»

Die Möwe ganz links hält Ausschau, wie es viele von uns machen. Weitblick ist gefragt. Was ist jetzt trotz allem möglich? Wie pflegen wir Gemeinschaft, ohne uns real zu versammeln? Wie lange wird das alles dauern? Ich weiss, dass ich es nicht weiss. Ich spüre aber, wie Menschen einander gegenseitig Hoffnung und Geduld stärken. Ich kann nicht prophezeien, wie sich die Zahlen entwickeln werden. Wichtiger finde ich die Frage: Wie werden sich die Menschen weiterentwickeln? Was bleibt nachher anders als zuvor? Noch nie haben so viele unterschiedliche Menschen gleichzeitig und weltweit mit ihren Gewohnheiten brechen müssen – ohne genau zu wissen, was kommen wird. Der Himmel in seiner Weite erscheint in diesen Momenten der Ungewissheit seltsam leer wie bei den Möwen am Genfer See.

Die Möwe in der Mitte ist unterdessen abgeflogen. Sie ist aufgebrochen wie diejenigen, die sich in diesen Zeiten kein ruhiges, abgeschiedenes Plätzchen suchen können, sondern bis an die Grenzen der Erschöpfung und darüber hinaus arbeiten, helfen, pflegen und sich freiwillig engagieren. Den sogenannt «systemkritischen Berufen» gebührt unser Respekt und unser Dank, unbedingt über diese kurze oder lange Krise hinaus.

Von allen drei Möwen und allen Menschen handelt der 139. Psalm. Alle bleiben in Gottes Gegenwart, was auch geschieht:

Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äussersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken
und Nacht statt Licht um mich sein –,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,
und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Finsternis ist wie das Licht.
Ps 139,9-12

Dörte Gebhard, Pfarrerin
Bereitgestellt: 24.04.2020     Besuche: 69 Monat 
aktualisiert mit kirchenweb.ch