Anita Morgenthaler

Ich glaube, hilf meinem Unglauben! (Markus 9, 24) Zur Jahreslosung 2020

01 Wort der Pfarrerin Januar 2020<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirche-schoeftland.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>137</div><div class='bid' style='display:none;'>2975</div><div class='usr' style='display:none;'>287</div>

Weit über die Stadt hinweg läuteten diese Glocken, luden zum Gebet und zum Gottesdienst, orientierten über die Zeit, kündeten von Freud und Leid. Es geschah in einer eiskalten, klaren Vollmondnacht vor Palmsonntag 1942. In nur drei Stunden wurden bei einem britischen Luftangriff 400 Tonnen Bomben auf die Lübecker Altstadt geworfen. 25’000 Brandbomben sorgten für einen gigantischen Feuersturm, zugleich war die Trave zugefroren, so dass man unter anderem deshalb kein Löschwasser hatte. Nach offiziellen Angaben kamen 320 Menschen ums Leben, knapp 800 wurden verletzt. 1468 Gebäude wurden völlig zerstört, mehr als 15’000 Lübecker wurden obdachlos.
St. Marien, die «Mutterkirche der Backsteingotik», brannte fast völlig aus. Vernichtet wurde auch die Orgel, auf der schon Dietrich Buxtehude und vermutlich auch Johann Sebastian Bach gespielt hatten. Bis heute sind die beiden herabgefallenen, deformierten Bronzeglocken, die man an Ort und Stelle gelassen hat, eine bleibende Mahnung gegen jeden Krieg.

Ob Menschen aus der Geschichte etwas lernen können? Ich bekenne angesichts der Ereignisse mit dem zweiten Teil der Jahreslosung für 2020:

Oh Herr, hilf meinem Unglauben!

Denn Kriege wüten nach wie vor und verheerende Luftangriffe sind nicht aus der Welt.

Aber trotz aller Not bekam die Marienkirche schon während des Krieges ein Notdach und der Wiederaufbau der Kirche und der Stadt begann alsbald, dauerte aber insgesamt 40 Jahre, eine wahrhaft biblisch-lange Zeit. Traditionell gedenken die Lübecker Christen jedes Jahr an Palmsonntag dieser zerstörerischen Nacht, in denen sich die herabstürzenden Glocken in den Kirchenboden gruben. 70 Jahre nach Kriegsende sang der Chor der Kathedrale Coventry in der Lübecker Marienkirche. Denn Coventry war schon zuvor, 1940, von deutschen Bomben in Schutt und Asche gelegt worden.

Und erst seit Pfingsten 2019 erklingt wieder das Glockenspiel im Süderturm der Marienkirche weit über die Stadt hinweg, lädt mit einer kurzen Choralmelodie ein zu Gebet und Gottesdienst, orientiert über die Zeit und ist heutzutage natürlich computergesteuert. Ich bekenne angesichts der Geschichte auch:

Oh Herr, ich glaube! Denn ich erkenne: Versöhnung ist möglich, Frieden gelingt und Hoffnung ist berechtigt.

Möge 2020 ein berühmtes Jahr werden, an das man sich später gern erinnert, weil Vergebung statt Rache, Wiederaufbau statt Zerstörung, Hoffnung statt Verzweiflung herrschten, in der grossen weiten Welt und auch im Kleinen. Glauben manche unter Ihnen jetzt, sie könnten ja ohnehin nichts machen, nichts ändern, nichts bewirken? Und wenn es auch so wäre, lassen sie sich von unseren Schöftler Glocken bei jedem Geläut einladen zu einem Gebet. Ich glaube, dass – trotz allem Unglauben – Menschen unendlich viel möglich ist mit Gottes Hilfe.

Dörte Gebhard, Pfarrerin
Bereitgestellt: 27.12.2019     Besuche: 24 Monat 
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