Karfreitag und Ostern in einem Augen-blick
Nahe bei der gigantischen Nelsonsäule samt Springbrunnen, mitten im Gewusel aus Touristen und Verkehr gibt es am Trafalgar Square in London auch eine Kirche: St Martin-in-the-Fields, weltberühmt für ihre Musik, überlebenswichtig für viele Obdachlose in der Millionenmetropole und seit 2008 mit einem neuen Ostfenster, das mich bei meinem allerersten Augen-blick begeistert hat.
Dieses Fenster gehöre zu den bedeutendsten religiösen Kunstwerken der Neuzeit, lese ich hinterher im Internet. Wirklich beurteilen kann ich das nicht, aber der Blick ans Fenster, aus dem Fenster und durch das Fenster von aussen nach innen, bei greller Sonne und grauem Regenwetter, auch bei nächtlicher Beleuchtung, fasziniert mich immer wieder.
Das in einem Edelstahlrahmen gefasste Glas besteht aus mundgeblasenen Klarglasscheiben.
Die iranisch-britische Künstlerin Shirazeh Houshairy (*1955, seit 1974 in Grossbritannien) und Pip Horne, ihr Ehemann und Architekt, schreiben über ihr Fenster:
«Uns ist wichtig, dass das Bild eine universelle Dimension hat und jeder etwas darin wiederfindet. Das transparente/transluzente Glas lässt die Aussenwelt ins Innere dringen… Es suggeriert, dass die Aussenwelt Teil des Heiligen ist und dass das Weltliche und das Heilige zusammengehören. Dieser Gedanke der Inklusivität im Gegensatz zur Exklusivität ist ein wichtiger Bestandteil des Ethos von St Martin’s.»
Was finde ich darin wieder?
Karfreitag und Ostern.
Leid und Freude nicht nur nahe beieinander, wie immer im Leben, sondern untrennbar, auf einen Blick! Mir ist kein anderes Kunstwerk bekannt, bei dem Karfreitag und Ostern so sehr «auf einmal» zu sehen sind.
Die Stahllinien zeigen ein grosses Kreuz und rundherum unzählige Kreuze, die Menschen zu tragen haben. Es ist wahr: Viele Menschen sind im Leiden verbunden, aufeinander angewiesen, stehen einander bei und halten (alles) zusammen.
Zwischen allen Kreuzen aber ist Raum für so viel Licht, für so viel Ausblick!
Das grosse Glas in der Mitte, in der Herzgegend des Gekreuzigten, lässt das Osterlicht direkt in mein Herz scheinen. Dafür muss das grosse Kreuz weichen, sich öffnen. Das Kreuz ist leer. Christus hat den Tod hinter sich gelassen ... mit Kraft und Schwung.
Aber es ist unübersehbar: Das geätzte Glas verweigert den Durchblick. Ich bin mit Leiden konfrontiert und sehe nicht durch, suche Sinn, aber finde noch keine Antwort.
Zugleich fällt mir auf: Das geätzte Glas leuchtet! Die Christenheit feiert Ostern, denn erklären kann es niemand. Die Auferstehung ist höher als die Vernunft aller Christinnen und Christen zusammen. Sie ist unsere Hoffnung.
London hat noch viel mehr zu bieten und bald schon stürzt man sich wieder ins Getümmel. Aber eigentlich sollte man bis zum Abend bleiben, ein Konzert hören und auf das Fenster achten. Denn je dämmeriger und dunkler es wird, um so mehr leuchtet das zentrale Oval auf geradezu wundersame Weise, von innen und aussen.
Je dunkler die Weltgeschichte wird, je mehr Kreuze uns umstellen, um so heller wird das Osterlicht strahlen.
Dörte Gebhard, Pfarrerin