Jesus Christus ist Gottes Sohn.
Die vier Evangelisten kamen aus sehr unterschiedlichen Kulturen und haben mit Rücksicht auf ihre ersten Leser und Hörerinnen erklärt, dass Gottes Sohn zur Welt kam.
Lukas, dessen Weihnachtsgeschichte wir am besten kennen, schrieb für die gebildeten Griechen seiner Zeit, die sogenannten Heidenchristen. Die lasen nicht nur sein Evangelium, sondern auch sonst Memoiren und Biographien von berühmten Männern, von Philosophen und Kaisern.
Da wurde nicht selten von Jungfrauengeburten berichtet. Ulrich Luz, 1980-2003 Professor für Neues Testament in Bern, schreibt: Die «Geburt ohne Zutun eines menschlichen Vaters findet sich oft in hellenistischen und ägyptischen Berichten, die von der göttlichen Zeugung von Königen, Heroen, Philosophen etc. sprechen».
Lukas konnte seinen griechischen Zeitgenossen durch den Bericht einer Jungfrauengeburt am besten vermitteln, dass Jesus Gottes Sohn ist. Aber natürlich hielten die Nachbarn in Nazareth Jesus für Josefs Sohn (Lukas 3, 23; Lukas 4, 22).
Matthäus, dessen Geschichte vom Stern über Bethlehem genauso berühmt geworden ist, schreibt vor allem für die Judenchristen seiner Zeit und hebt deshalb Jesu Abstammung hervor. In seinem Evangelium liest man zuallererst die lange Generationenreihe. Jesu Stammbaum beginnt bei den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob und läuft dann über König David und viele weitere, berühmte Männer und Frauen bis zu Josef, dem Mann der Maria (Matthäus 1, 16). Besonders auf die Verwandtschaft mit David kam es damals an für die Juden, die Christen wurden. Diese Ahnentafel war für sie vertrauenerweckend.
Aber wie kommt Gott zur Welt? In dieser Frage sind sich Lukas und Matthäus, sogar Markus und Johannes, die gar keine Weihnachtsgeschichte überliefern, einig: Gottes Geist wirkt. Unsere Vorfahren hörten das nicht nur, sie malten es sich auch aus. So entstand die Vorstellung von der Empfängnis durch das Ohr. Gottes Geist hat Maria am Ohr berührt. So wurde sie schwanger. Auf dem Fresko ist der Heilige Geist, symbolisiert als Taube, gut zu erkennen. Maria hat gerade in den Heiligen Schriften gelesen. Das Buch ist aufgeschlagen auf dem Pult. Sie hat die Hände zum Gebet aneinandergelegt und neigt ihr Ohr der Taube zu. Die Wandmalerei ist in der Schlosskapelle auf der Kyburg zu sehen und der Ausflug lohnt sich. Aber auch in der Peterskirche in Basel ist die Empfängnis durch das Ohr in einer Seitenkapelle an die Wand gemalt: Gott Vater thront hoch oben, von seinem Mund geht ein Strahl aus, auf dem die Taube direkt zu Marias Ohr fliegt. Gottes Wort kommt Maria also zu Ohren. Wenn Sie den Weihnachtsmarkt in Basel besuchen, machen Sie einen Abstecher hinauf in die Peterskirche.
Auf Seite 4 der Gemeindeseite (
» hier herunterladbar) finden Sie eine weitere Empfängnis durch das Ohr – und durch das Herz und die Hand. Mir gefällt das sehr menschliche Bild von der Empfängnis durch das Ohr. Sie betrifft nicht nur Maria, sondern auch mich und die Menschen um mich her. Der Glaube kommt aus dem Hören (Röm 10, 17), damals wie heute gegen den Augenschein der Welt.
Gottes Geist wirke, dass wir die Weihnachtsgeschichten mit offenen Ohren empfangen und uns zu Herzen gehen lassen.
Dörte Gebhard, Pfarrerin